Nach und von Geiranger

Norwegen Norwegen

WohnmobilWohnmobil

von Philipp (2014)

Dieser Artikel ist Teil der Geschichte Reise zum Nordkap.

Sonntag, 1. Juni: Auf und ab

Wir brechen wie immer nicht sehr zeitig nach Westen auf, obwohl wir wieder Kilometer machen möchten. In Lærdals wird aufgetankt, dann nehmen wir die Fähre in Richtung Kaupanger, wo Alex endlich eine impossante Stabkirche begutachen kann. Der Straße Nummer 5 geht es dann weiter entlang, bis es nach Sogndal wieder deutlich bergauf geht. Die Gegend wir auf 500müdM alm-ähnlicher, und wir kommen an großen Bergseen vorbei, wo wir eine Jausenrast einlegen. Wer rauf will, muss früher oder später auch wieder runter, und das tun wir über zwei Tunnels, die fast durchgehend bergab gehen, so dass wir nach kurzer Zeit am Nachbarfjord auf Meereshöhe wieder ans Tageslicht kommen. Die Nummer 5 befindet recht bald, dass es genug mit Am-Fjord-entlang-fahren ist, und bringt uns wieder in die Berge, wo wir einem Bach folgen. Ein Bach wäre es jedenfalls ohne der Schneeschmelze, den jetzt kommen wir an überschwemmten Wiesen und angeschwämmten Sandbänken vorbei. Die Straße scheint in einem Talkessel zu enden, über dem der gewaltige Flatbreen-Gletscher in einiger Höhe endet. Natürlich gibt es wieder einen Tunnel auf die andere Seite, wo wir wieder auf die altbekannte E39 stoßen, die uns in Kristiansand mit den norwegischen Bundesstraßen vertraut gemacht hat. Eine "Gebirgsquerung" steht uns für heute noch bevor, die uns an den Innvikfjord bringt. Der Zwerg bedeutet uns durch Quänglerei, dass aus seiner Sicht die heutige Kilometerleistung erreicht ist, so dass wir nicht nach Stryn, unser geplantes Tagesziel, fahren, sondern schon in Loen auf Campingplatzsuche gehen. Nahe dem Fjordende werden wir in einem Tal am Lovatnet-See fündig. Wir ergattern eine kleine Grasplattform über dem See, mit herrlicher Aussicht auf die umgebenden Berge, und lange anhaltendem Sonnenschein. Allein der Internetzugang ist, wie fast üblich, unfassbar langsam. Aber was soll's, bei dieser Aussicht!

Montag, 2. Juni: Geiranger kommt näher

Wir erreichen Stryn, das geplante gestrige Tagesziel, und wenden uns dort nach Nordosten, wieder in die Berge. Mehrere Serpentinen und Tunnels bringen uns ins Breiddalen, wo noch Schnee liegt und die Bergseen mit einer langsam tauenden Eisschicht bedeckt sind. Ein letzter Pass trennt uns von Geiranger und dem gleichnamigen Fjord, einem der klassischen norwegischen Reiseziele. Zuvor wollen wir aber noch einen Blick von oben auf unser Ziel werfen, von der etwa 1500m hohen Dalsnibba, einer mautpflichtigen Sackgasse zu einem Aussichtspunkt. Wir lassen den Ducato wieder sportlich nach oben fliegen... Oben finden wir eine fantastische Aussicht auf den tief unter uns liegenden Ort, und auf die eng gewundene Straße, die uns dorthin führen soll. Wir legen eine kleine Mittagspause ein und kochen Suppe, bevor wir uns wieder auf den Weg nach unten machen. Beim Starten gibt der Ducato dann die üblichen Rauchzeichen, wie er es immer tut zwischen Kaltstart und warmgelaufenen Zustand. Einen Kilometer weiter bemerke ich aber im Rückspiegel, dass er weitermacht mit grauen Schwaden. Wir halten an, und selbst im Leerlauf bläßt er dunkelgrau. Mir schwant so einiges, angefangen von kaputter Kopfdichtung (obwohl, da müsste ja eher weißer Dampf rauskommen). Wir fahren also langsam weiter zur Abzweigung von der Hauptstraße, da wir oben kein Mobiltelefonnetz empfangen, um beim ÖAMTC (Schutzbrief, yeah!!) nach der nächstgelegenen Werkstätte zu fragen (das Navi stellt sich in dieser Situation völlig blöd). Leider gibt es auch weiter unten keinen Empfang, also grübeln wir über der Straßenkarte. Runter nach Geiranger wäre zwar der kürzeste Weg, der Ort besteht aber nur aus einem Hotel und ein paar Häusern, und ist außerdem für uns praktisch eine Sackgasse, weil keine Straße unter 10% Steigung aus ihr herausführt. Gut, es gibt eine Fähre. Nach Osten, nach Lom, geht es mit Sicherheit hauptsächlich bergab, immerhin liegt es am Ende des Tals, in dem wir gerade sind. Dorthin sind es aber über 70km. Option 3 ist die Rückkehr nach Stryn, etwas kürzer, aber mit Tunnels. Wenn der Ducato zufällig genau dort seinen Geist aufgeben würde, wäre das extra unangenehm. Alex meint allerdings, dass die Tunnels bei der Herfahrt alle bergauf führten. Wir können also im fünften Gang mit Standgas durch die Berge kommen. So beschließen wir, dass wir wieder nach Stryn fahren. Ich versuche also das Auto zu starten, und... ...es startet ganz normal, und läuft ohne zu qualmen! Trotzdem steuern wir Stryn an, noch traue ich der Sache nicht. Alles läuft problemlos, wir kommen rauchfrei in Stryn an. Unsere Aufregung hat sich wieder gelegt, und wir erfahren, dass die nächste Werkstatt in Ålesund ist, wo wir sowieso nach Geiranger hinwollen. So kaufen wir Lebensmittel ein, und suchen uns ein Nachtlager, das wir an einem See nur wenige Kilometer östlich finden.

Dienstag, 3. Juni: Endlich Geiranger

Wir ändern unsere Pläne kurz- mittel- und langfristig. Kurzfristig insofern, als dass wir dem Ducato (und uns) ein Deja-vu oberhalb von Geiranger ersparen wollen, und deshalb eine alternative Route über Hellesylt, ohne großartige Steigungen, und der Fähre nach Geiranger wählen. Mittelfristig, indem die Bergauf-Strategie von "ein Auto in den besten Jahren darf sich ab und zu auch ein bisschen anstrengen" aus "ein Auto in den allerbesten Jahren möchte gerne verwöhnt werden" geändert wird. Und langfristig, als dass der Ducato eine vernünftige Lüftersteuerung bekommt, sobald wir wieder zuhause sind. Der zweite Lüfter schaltet sich erst knapp vor dem roten Temperaturbereich ein, und sofort wieder aus, sobald sich der Zeiger beginnt, nach unten zu bewegen. Das ist Blödsinn, aber unterwegs das dazu verantwortliche Relais tief im Motorraum finden zu wollen, ist auch nicht so einfach. Mitlesende AVLer dürfen sich übrigens gern zu den Qualmsymptomen äußern! Update: dürfte wohl etwas Öl über den Lader in den Ansaugtrakt gekommen sein. Merken: Motor nach Anstrengungen immer ein paar Minuten im Leerlauf tuckern lassen, damit der Turbolader schön langsam runterkommen kann... Woher sollte denn ein Maschinenbauer auch sowas wissen 😮 Jedenfalls geht es am vormittag via Kjøs durch's Langedalen nach Hellesylt, von wo aus es eine Fährverbindung nach Geiranger gibt. Wir haben Glück, nur wenige Minuten nach unserer Ankunft im Hafen kommt auch schon eine Fähre. Diese Fähre ist kein reines Transportmittel, sondern gibt sich auch ein wenig als Ausflugsboot aus. Es werden nämlich bei den interessanten Stationen mehrsprachige Durchsagen abgespielt. Außer den - natürlich - Wasserfällen gibt es mehrere, inzwischen verlassene Höfe, die in der Steilküste sitzen, zum Teil nahe am Wasser, oft aber auch zwei-, dreihundert Meter hoch oben, und nur durch Steige und Leitern zu erreichen. Dort oben scheint es einige so fruchtbare Plätzchen gegeben zu haben, dass sich die unvorstellbaren Mühen, das zum täglichen Leben Benötigte dorthin zu schaffen, ausgezahlt hat. Immer wieder haben aber Lawinen und Felsstürze den Menschen zu verstehen gegeben, dass sie sich einen anderen Platz zum Auskommen suchen sollen. Die Fähre transportiert, wie auch an anderen, touristisch interessanten Fjorden, Tagesgäste, die von Bussen an einer Station abgesetzt, und an der nächsten Anlegestelle wieder eingesammelt werden. Zum Großteil handelt es sich dabei um asiatische Reisende, die mit iPads vorm Gesicht fotografierend über die Decks laufen. Seltsamerweise gibt es auf Fähren meisens sehr günstige Snacks. Nichts großartiges, zum Beispiel Toasts oder Hotdogs zu mitteleuropäischen Preisen. Daneben aber auch die üblichen, einfachen Burger um 20 Euro. Die Fahrt nach Geiranger dauert eine Stunde, und nach der Ankunft suchen wir die Touristeninformation auf, um herauszufinden, von welchem Campingplatz aus es die besten Wanderwege gibt. Das Reisen mit dem Wohnmobil hat nämlich, verglichen mit einem Zelt, einen Nachteil: wenn das Ding erst einmal aufgebaut ist, ist es nur sehr aufwändig möglich, schnell einmal fünf Kilometer etwas zu besorgen, oder etwa eine Wanderung zu beginnen. Glücklicherweise beginnt ganz in der Nähe eines Campingplatzes, einen Kilometer ausserhalb von Geiranger, ein schöner Weg, der zu mehreren Zielen führt. Deshalb lassen wir die Plätze in Geiranger liegen und wählen den Platz in Vinje. Der besteht aus mehreren Terrassen, hat am Abend lange Sonne, und funktionierendes WiFi! Der Zwerg kann hier in der Wiese mit seinen Duplo-Steinen spielen, und wir lesen daneben. Für morgen dann erwarten wir Besuch aus Kärnten.

Mittwoch, 4. Juni: Wanderung bei Geiranger, und Besuch

Das Wetter in der Früh ist nicht so sonnig, wie in den Tagen und Wochen davor, aber es sieht zumindest nicht nach ärgerem Regen aus. Also bereiten wir uns auf eine Wanderung vor, zu - na? - einem Wasserfall (ja, manche stehen eben auf sowas...). Ich bemerke, dass der Weg dorthin nicht nur in der Nähe des Platzes beginnt, sondern sogar direkt an unserem Auto 🙂 Bei der Überlegung, wie wir den Zwerg beförden sollen, fällt diesmal die Entscheidung wieder auf die Rückentrage. Die ist zwar etwas schwerer, und vorallem sitzt das Gewicht des jungen Mannes viel weiter von mir entfernt, aber das ganze hat dadurch auch einen gewissen Trainingseffekt. Also geht es gut ausgerüstet, gleich hinter dem Auto, in den ersten steileren Anstieg. Der Pfad kürzt sozusagen die Serpentinen der Hauptstraße ab, so dass wir alle paar hundert Meter Asphalt queren müssen. Bei der Gelegenheiten dürfen wir erleben, wie sich zwei 2.5m breite Reisebusse auf einer 4.95m breiten Straße begegnen. Die überzähligen 5cm entsprechen einer 4cm großen Positionsleuchte an dem einen, und einem 1cm tiefen Kratzer an dem anderen Bus 😮 Nach 150 Höhenmetern geht's weg von den Serpentinen und ein Stück einer Schotterstraße nach, dann wieder über Wiesen und durch Buschwerk nach oben. Dazwischen bekommen wir immer wieder Ausblicke auf den Fjord, und auch auf unser einsam dastehendes Wohnmobil, das eine ganze Terrasse für sich hat. Wie inzwischen üblich, singt uns der Zwerg sein gesamtes Liederrepertoir vor. Die anderen Wanderer, an denen wir vorbeikommen, sind oft begeistert von seinem Theater auf meinem Rücken, und wollen uns fotografieren, oder wissen schlaue Dinge zu sagen "I respect that!", meint einer zu Alex, "You carried him nine month in your belly, and now it's his turn, hahahah". Nach gut zwei Stunden kommen wir am Wasserfall an, dessen Besonderheit ist, dass man hinter ihm durchgehen kann. Zumindest einzeln; nur ein enger, mit einem Geländer gesicherter steig führt wieder ein paar Meter nach unten, hinter den Wasservorhang. Am Rückweg, auf dem es leicht zu tröpfeln beginnt, kommen wir wieder an der Stelle vorbei, von der aus man unser Auto sehen kann. Direkt daneben, seeeehr knapp daneben, steht jetzt ein zweites, kleineres Fahrzeug (wobei, im Vergleich zu den Geräten, die so als Wohnmobil herumkurven, gibt es kaum kleinere als unseren). Wie unverschämt! Durch das Tele von Alex' Kamera erkennen wir, dass das Auto untenrum und vorne dunkel, hinten und oben hell ist. Das wird doch nicht...? Nach einer weiteren Stunden ist dann klar: da steht ein Defender mit klagenfurter Kennzeichen! Marina und Walter, die fast zwei Wochen nach uns aufgebrochen sind, haben uns eingeholt, sitzen gemütlich unter ihrer Markise und warten auf uns 🙂 Nachdem wir uns geduscht, abendgegessen und den Zwerg zu Bett gebracht haben, sitzen wir noch lange mit Rotwein, Bailey's und Southern Comfort (das weckt Erinnerungen an Waidmannsdorfer Grill- und andere Festln...) im Land Rover zusammen, und unterhalten uns bestens.

Donnerstag, 5. Juni: Zwei mal elf Serpentinen: Adlersraße und Trollstigen

Die Reisestrategie und verfügbare Zeit der Klagenfurter ist etwas anders als unsere, und ausserdem sitzt mir der letzte Southern Comfort noch ziemlich im Hinterkopf fest (so, dass ich das Frühstück gegen zwei Zusatzstunden im Alkoven (haha, ein verdecktes Wortspiel!) tausche). Deshalb fahren die beiden etwas früher als wir in Richtung Adlerstraße und Trollstigen. Die Adlerstraße ist eine enge, steile Straße, die in elf Serpentinen aus dem Fjord hinaus führt. Sie ist für uns die Prüfung, ob der Ducato wirklich noch mit uns unterwegs sein will. Wir sind nett zu ihm, und fahren recht gemächlich nach oben, gönnen ihm auch zwei Päuschen (auch zum Fotografieren, natürlich). Das Wetter ist weiter etwas regnerisch. Das Hinterland des Fjodes ist nicht übertrieben spannend, und recht flach geht es wieder nach unten zur Fähre Eidsalen-Valldal. Das Valldalen ist bekannt für seine Erdbeerfelder, die man dort nicht erwarten würde. Wir machen einen kurzen Stopp in Gudbrandsjuvet, einer Stelle, die an des Socatal erinnert: hellblaues Wasser, dass in einem schmalen, tief eingeschnittenen Spalt über eine Stufe stürzt. Rund herum ist ein modernes Besucherzentrum gebaut, mit futuristischen Brücken über den Fluß. Norwegen hat wirklich auch architektonisch viel zu bieten, auch am Land, wo man eher keine Stahl/Glas/Beton-Konstruktionen erwartet. Mir gefällt das. Mit steigender Höhe wird die Gegend wieder karg, und wir nähern uns Trollstigen. Dieser Teil der Strecke besteht (wieder!) aus elf Kehren, aus unserer Sicht gottseidank bergab, die sehr spektakulär mehrere hundert Höhenmeter überwinden. Dazwischen quert die Straße auf einer alten Steinbrücke einen 180m hohen - na? - Wasserfall, den Stigfossen. In der bereits bekannten Architektur - Stahl-natur, Glas, und Gitterböden - sind ein Aussichtspfad und zwei Plattformen in die Felsenlandschaft gebaut. Obwohl der Parkplatz fast leer ist, drängen sich die Leute hier regelrecht, man mag sich den Verkehr in der Hochsaison gar nicht vorstellen. Deshalb verziehen wir uns schnell wieder Richtung Åndalsnes, und weiter ein Stück nach Westen, auf Ålesund zu. In einer Bucht, 20km nach Åndalsnes schlagen wir unser Nachtlager auf. Der Ducato hat sich brav geschlagen, er ist wieder topfit.

2 Kommentare zu “Nach und von Geiranger”

  1. Silvie sagt:

    Lieber kleiner, großer Finn
    Alles Liebe und Gute zu deinem Geburtstag wünschen Onkel Pauli, Tante Silvie und Cousine Lilith
    Wir hoffen auf noch mehr Abenteuerberichte!!!!

  2. Toni sagt:

    Lieber Philipp,
    dk für diesen lange erwarteten, ausführlichen und schönen Bericht.
    Wünschen dir, Alexandra, Finn u dem Ducato eine angenehme u gemütliche Weiterreise.
    Alles Gute u LG v Mona u Toni